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Antisemitismus im Fußball: Tottenham Hotspur und die Yid-Army

“Spurs are on their way to Auschwitz” und “Adolf Hitler is coming for you”, sowie Zischgeräusche, die Gaskammern imitieren sollen. Alltag im Gästebereich der White Hart Lane, dem Zuhause von Tottenham Hotspur. Zumindest wenn die Londonder Stadtrivalen West Ham United, Arsenal, Chelsea, Fulham oder Queens Park zu Gast sind. Auch das war ein Grund dafür, die europäischen Fußballfans auf Platz vier der Liste der „Top Ten Anti-Semitic / Anti-Israel Slurs“ des Simon-Wiesenthal-Centers (auf der sich unter anderem auch Jakob Augstein auf Platz 9 befindet) zu setzen.

Auch international haben antisemitisch motivierte Übergriffe auf die Fans von Tottenham Hotspurs Aufsehen erregt. Bei einem Angriff vor dem Europa League Spiel Lazio Rom – Tottenham im November 2012 wurde die Kneipe „Drunken Ship“ auf dem Campo di Fiori von 30 Maskierten Personen aus dem Umfeld der römischen Fanszene und anderen rechtsradikalen Gruppen angegriffen. Während des Angriffs sollen sie auf deutsch „Juden Tottenham“ skandiert haben. 10 Anhänger*innen der Tottenham Hotspurs wurden verletzt, einer musste mit einer tiefen Stichwunde über den Schädel ins Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei war nach Aussage des Pub-Besitzers erst nach 20 Minuten erschienen. Einen Tag später, während des Spiels im Stadio Olimpico skandierten Lazio-Fans „Juden Tottenham“, schwenkten Palästina-Fahnen und präsentierten ein Spruchband mit der Aufschrift „Free Palestine“ – In der Schriftart, in der die faschistischen und gewalttätigen Ultras „Irriducibili Lazio“ einst ihre Spruchbänder präsentiert hatten.

Schon zuvor waren Lazio-Fans beim Derby gegen den AS Rom mit dem antisemitischen Spruchband „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen euer Zuhause“ aufgefallen. Und auch im Hinspiel gegen Tottenham waren die schwarzen Spieler Jermain Defoe, Andros Townsend und Aaron Lennon rassistisch beleidigt worden.

Im Februar 2013 kam es in Lyon beim Aufeinandertreffen von Olympique Lyon und den Tottenham Hotspurs ebenfalls zu einem Angriff. Die 50 maskierten Angreifer*innen, aus der Fanszene von Olympique Lyon und der rechtsradikalen Generation Identitaire warfen Scheiben einer Kneipe in der Lyoner Altstadt ein. In die Kneipe selbst kamen sie jedoch nicht, da die Tottenham-Fans Widerstand gegen den antisemitisch motivierten Angriff leisteten. Sieben Tottenham-Anhänger*innen mussten daraufhin ärztlich behandelt werden, drei davon im Krankenhaus. Augenzeug*innen berichten davon, dass die Angreifenden wiederholt den Hitlergruß gezeigt hätten. Als Konsequenz beantragte der Verein für die Achtelfinalspiele gegen Inter Mailand zusätzlichen Polizeischutz für seine Fans.

Der Hintergrund der antisemitischen Äußerungen und Übergriffe liegt in der Geschichte von Verein und Stadtteil. Tottenham, ein Stadtteil im Norden Londons, ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein Paradebeispiel für einen multikulturellen Stadtteil. Menschen aus der gesamten Welt, ungeachtet der Herkunft oder Religion wohnen hier zusammen. In Tottenham werden insgesamt über 190 verschiedene Sprachen gesprochen, das ist selbst für einen Londoner Stadtteil überdurchschnittlich viel. Eine verhältnismäßig große Gruppe in Tottenham sind seit den dreißiger Jahren die Jüdinnen und Juden. Auf der Flucht vor antisemitischen Progromen fanden viele von Ihnen im Londonder Osten und Norden Schutz.

Die jüdische Gemeinschaft spiegelte sich auch auf den Rängen der White Hart Lane, dem Stadion von Tottenham Hotspur, wider. Auch deshalb bekam der Verein schnell den Rufs des „Judenklubs“. Mitte der 1970er Jahre kam es immer wieder zu antisemitischen Parolen gegen die Fans der Tottenham Hotspurs. Daraufhin drehten die Anhänger von Tottenham den Spieß um. Mit der Methode, mit der die schwarze Community das N-Wort* oder die lesbisch-schwule Community den ursprünglich homophob belegten Begriff Queers aneignete, nahmen die Tottenham-Anhängern antisemitischen Gesängen den Wind aus den Segeln. Fortan bezeichneten sie sich selbst als „Yids“. Den Arsenal-Anhängern, die wie Tottenham aus dem Norden der Stadt kam, wurde „Yids took the North Bank“ (Die Yids haben das Nordufer erobert) entgegen gerufen, Israelfahnen wurden ins Stadion mitgenommen und T-Shirts mit der Aufschrift „Yid Army“ oder „Yiddos 4 Life“ wurden gedruckt.

„Yids“ war eine der antisemitschen Bezeichnungen gewesen, die die Fans der Londoner Stadtrivalen den Tottenham-Anhänger*innen entgegen gerufen hatte. Ursprünglich hatte der Begriff „Yids“ gar keine antisemitische Bedeutung, sondern war eine Selbstbezeichnung jüdischer Einwander*innen. Negativ wurde der Begriff erst 1936 vom Faschisten Oswald Mosley und seiner faschistischen Partei verwendet, die das Wort an Häuserwände im jüdischen Viertel im Londoner East End malten.

In den letzten Jahrzehnten standen sowohl gegnerische als auch Tottenham-Fans für die Nutzung des Worts in der Kritik. Ein berühmter Kritiker des Begriffs ist der jüdische Comedian und Chelsea-Fan David Baddiel, der das Thema in dem Artikel „So you think we’ve kicked racism out of English football?“ erstmals ausführlich thematisierte. Dort kritisiert er zum einen die antisemitischen Gesänge der Fans des FC Chelsea. Allerdings verdeutlicht er auch, dass er es anstößig fände, wenn nicht-jüdische Fans sich selbst als „Yids“ bezeichnen würden. Weiterhin stellte er die These auf, dass die Selbstbezeichnung der Tottenham-Fans als „Yids“ überhaupt erst die Ursache für die antisemitischen Gesänge der gegnerischen Klubs sei.

2012 veröffentlichte Baddiel dann gemeinsam mit dem englischen Antidiskriminierungsprojekt „Kick it out“ den Film „the Y-Word“. Dort werden Szenen gezeigt, in denen Englische Fans antisemitische Sprechchöre anstimmen. Daraufhin werben Fußballprofis und Vereinsoffizielle für ein Ende des Begriffs „Yid“. In dem Film wird der Ausdruck unter anderem mit dem N-Wort verglichen. Unterstützung bekam die Kampagne von Peter Herbert von der Society of Black Lawyers, der ankündigte, gegen die Benutzung des Wortes „Yids“ Strafanzeige zu stellen. Im weiteren nahm er auch die Tottenham-Fans in die Pflicht und erklärte, dass das Singen des Wortes Yids den antisemitischen Missbrauch durch andere Fans legitimiere und sah die Verbindung zwischen den Ereignissen in Rom und das Y-Wort-Singen als offensichtlich.

Mit Glaubwürigkeit in puncto Anti-Diskriminierung und Arbeit gegen Antisemitismus können allerdings weder Baddiel, noch Herbert überzeugen. Peter Herbert pflegt enge Kontakte zu den antisemitischen Politikern Al Sharpton und Jesse Jackson und setze sich für die Einreise von Louis Farrakhan, den offen antisemitischen Anführer der Nation of Islam, ein. Baddiel fiel in seiner Sendung Fantasy Football League durch antisemitische Kommentare und eine rassistische Karikierung des Spielers Jason Lee auf.

Auch inhaltlich kamen Video und Statement weniger gut an. Fans beschwerten sich, das Video würde alle Fans über einen Kamm scheren und keinen Unterschied zwischen der Neubesetzung des Ausdrucks durch Tottenham-Fans und den offen antisemitischen Äußerungen der verfeindeten Supporter machen. So erklärte der jüdische Autor Hayden Smith, er fände es ganz und gar nicht beleidigend, wenn sich nicht-jüdische Tottenham-Fans durch das singen von „Yid Army“ gegen Antisemitismus wenden und sich so auch mit den jüdischen Fans des Vereins solidarisieren würden. Tottenham sei nun wirklich der letzte Verein, den man wegen Antisemitismus beschuldigen könne.

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Der Artikel ist eine überarbeite Version des Artikels “Tottenham Hotspur und die Yid-Army” aus dem Jahr 2013.

 

Die MLS und das Stimmungsproblem

Plötzlich knallt es laut, ein paar bunte Raketen und Rauch steigen auf dem Rasen der Red Bull Arena in Harrison bei New York auf und zu “Sabotage” von den Beastie Boys laufen die New York Red Bulls und D.C. United zum ersten Spiel der neuen Saison ein. Auf den Rängen bleibt es jedoch leise.

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Die Major League Soccer, die höchste nordamerikanische Spielklasse, hat ein Stimmungsproblem. Das wird nicht nur durch die vereinseigene Pyroshow, die in jedem deutschen Stadion als eine absurde Idee abgetan worden wäre, in der MLS zum Anheizen der Fans allerdings sehr üblich ist – sondern auch vor allem durch die leeren Ränge in der Red Bull-Arena deutlich. Zum ersten Heimspiel der Saison gegen den direkten Konkurrenten aus Washington bleibt der Fanblock erstaunlich leer und vor dem Stadion bieten die Händler die Tickets, die sonst mindestens 30 Dollar kosten würden, für nicht mal mehr 10 Dollar an.

Und das, obwohl gerade die NY Red Bulls eigentlich eine Ausnahme in der Liga darstellen. Als die Metrostars, der ursprüngliche Name des Teams, vor neun Jahren Jahren an den österreichischen Brausehersteller Red Bull verkauft wurde, gingen die größten SupporteDSC05997rgruppen Viking  Army, Empire Supporters und Garden State Ultras den ungewöhnlichen Weg und folgten dem Team auch unter neuen Namen – Schwenkfahnen und Doppelhalter wurden den neuen Vereinsfarben teilweise angepasst. Die kritischen Positionen, die Ultras im europäischen Fußball charakterisieren, haben die Supportgruppen aufgegeben. Zwar gibt es beim Spiel ein Spruchband zur Entlassung von Vereinsurgestein Mike Petke, an die großen Themen wie Kommerzialisierung und Verbandspolitik trauen sich die Fans aber schon lange nicht mehr heran.

Und dabei wäre Kritik an der Major Soccer League durchaus angebracht. Das Ligensystem ist nicht mit dem der europäischen Ligen zu vergleichen. So entscheidet etwa nicht das sportliche Abschneiden über den Klassenerhalt, sondern das Geld. Mit den CD Chivas USA wurde vor der Saison ein Verein nicht nur aus der Liga verbannt, sondern von der MLS-Führung vollständig aufgelöst. Die Spieler, die ihre Verträge in den meisten Fällen beim Verband selbst haben, wurden an die übrigen Vereine verlost. Die Chivas waren der Versuch, in der Westküstenmetropole Los Angeles ein zweites Team neben den erfolgreichen LA Galaxy aufzubauen. Die Vereinsgründer hatten vor allem die große mexikanische Community in Los Angeles als potentielle Fans im Blick, doch diese verfolgten lieber die Spiele der mexikanischen Liga MX im Fernsehen. Schlussendlich wurde das Projekt Chivas USA trotz sportlichen Erfolgs vom Verband eingestampft. Mit dem Versprechen, 2017 erneut den Versuch zu starten, einen Konkurrenten zu LA Galaxy aufzubauen.

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Am Beispiel New York zeigt sich jedoch, wie erfolgreich die merkwürdig anmutende Politik der MLS sein kann. Spätestens seit dem Umzug in die Arena in Harrison, einem klassischen  Arbeitervorort von New York, sprechen die NY Red Bulls viele Menschen Mittel- und Südamerikanischer Herkunft an. Diese leben meist in den Satellitenstädten New Jerseys, die von Industrie und der nähe zur Metropole New York leben. Mit dem Image als Verein der spanischsprachigen Bewohner_innen spielen die NY Red Bulls schon länger, alle Ansagen im Stadion werden auch auf spanisch gemacht und die Bullen sind nicht mehr hauptsächlich das Symbol des österreichischen Investors, sondern stehen für die zweifelhafte Tradition des lateinamerikanischen Stierkampfes. Das Konzept geht auf und soll in New York mit dem New York City FC einen Konkurrenten geben. Die Zielgruppe des Franchises von Manchester City-Besitzer Al Mubarak ist die wohlhabendere Stadtbevölkerung aus Manhattan. Werbung für den Verein findet man hauptsächlich dort und auch das Stadion das gebaut werden soll, darf sich nach Meinung des Besitzers auf keinen Fall außerhalb der Stadtgrenzen von New York befinden.

Durch das Hinzufügen und Entfernen von Fußballvereinen fällt es den Fans logischerweise schwer, eine intensive Bindung zum Verein aufzubauen. Starke Fanszenen, die sich auch mit europäischen Vereinen messen können, findet man nur bei Vereinen wie Impact de Montréal* oder den Portland Timbers, die schon vor der Teilnahme an der MLS in semiprofessionellen Ligen gespielt haben.

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Das Spiel der New York Bulls endet an diesem Nachmittag mit 2:0, DC United erlaubt sich ein paar Fehler zu viel und kommt Offensiv nicht richtig in Schwung. Die meisten Zuschauer_innen verlassen das Stadion jedoch vor dem Abpfiff, entweder um noch einen Platz in einem der New Yorker Vorortzüge zu erkämpfen, oder vielleicht einfach, weil es ihrer Meinung nach dem 2:0 nicht mehr viel zu feiern gibt. Als die Teams sich schließlich bei ihren Fans bedanken wollen, sind davon nicht mehr allzu viele im Stadion.

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*Einen kleinen Bericht zum Spiel Impact de Montréal – CF Pachuca, auf dem auch kurz auf die Montréaler Fanszene eingegangen wird, findet sich im aktuellen Transparent Magazin

Skonto Riga – BFC Daugava Daugavpils 3:1

20/04/14 Skonto halle, Riga

Ein wunderschöner sonniger Ostersonntag-Vormittag in der lettischen Hauptstadt. Der erste der lettischen Virslīga, Skonto Riga, empfang den vierten – den BFC Daugava aus dem (für lettische Verhältnisse) weit entfernten Daugavpils. Nicht im Skonto stadionas, welches sonst die Heimstätte von Skonto Riga ist, sondern in der benachbarten Turnhalle fand das Spiel statt. Nach einer ausführlichen Kontrolle durch einen mit Pistole bewaffneten Security-Menschen konnten sich die ca 50 Besucher*innen des Spiels aus dem Bistro einen Plastikstuhl holen, um die 90 Minuten lettischen Erstligafußball zu genießen. Nach neunzig Minuten stand es verdientermaßen 3:1 in einer Partie, die von Fouls und schönen Freistoßtoren geprägt war.

Seht selbst:

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Fußball ist Fußball und Kapitalismus ist Kapitalismus!

Irgendetwas war anders in den vergangenen Wochen in den deutschen Bundesligastadien. Nicht gerade das spielerische, sondern vielmehr die Fankurven waren das auffällige Merkmal. Beim Auftaktspiel Hertha BSC Berlin gegen Werder Bremen sorgten Ultras  beider Fanlager durch den Einsatz von Trillerpfeifen für eine  ohrenbetäubende Lautstärke, Fangruppen von Vereinen wie dem SC Freiburg,  Fortuna Düsseldorf, FC Ingolstadt, 1860 München, Eintracht Braunschweig  und vielen weiteren Vereinen präsentierten Spruchbänder und warfen  Klopapierrollen und die Fans von Union Berlin verwehrten ihrer Mannschaft am vergangenen Wochenende 15 Minuten lang komplett die Unterstützung. Die gemeinsame Intention der Aktionen war Protest gegen  den Zweitligaaufsteiger RasenBallsport Leipzig. Die Initiative “Nein zu  RedBull – Für  euch ist es nur Marketing – für uns Lebenssinn!” hatte zu den Protesten aufgerufen.

Den  Verein RasenBallsport Leipzig gibt es in der heutigen Form seit 2009.  Vor fünf Jahren entschied sich RedBull, der wohl bekannteste Hersteller  grausam-schmeckender Energydrinks, sein Engagement im Sportbereich nach  Deutschland auszweiten und dem  SSV Makränstädt das Startrecht in der  Oberliga abzukaufen. Zusätzlich dazu wurde die Erste Mannschaft des  Vereins, inklusive aller Spieler und des Trainerstabs, sowie die ersten  Drei Herrenmannschaften des Vereins übernommen. Der SSV Makränstädt  wurde sozusagen von RedBull geschluckt. Das Ergebnis war der Verein  RasenBallsport Leipzig e.V., der sich mithilfe von Investitionen nach  einer Saison in der Oberliga, drei Runden in der Regionalliga und einem  Jahr in der 3. Liga in die zweite Fußballbundesliga spielte. Dort ist  der Verein einer der Aufstiegsaspiranten und befindet sich nach den  ersten Spielen in der zweiten Bundesliga in der Spitzenregion.

Schon  2010 gründete sich mit den Ultras Red Bull Leipzig eine Gruppe, die  sich an dem Protest gegen RB Leipzig störte.  Auf ihrem Blog  präsentierte die Gruppe ein Bild, auf dem sie vor dem  Kurt-Wabbel-Stadion in Halle mit einem Banner mit der Aufschrift “Red  Bull verleiht Prügel” posierten, sowie mit Aufklebermotiven wie “Für den  modernen Fußball” und “Tradition seit 2009” persiflierten sie gängige  Ultra-Dogmen. Kurze Zeit später veröffentlichte die Gruppe einen Aufruf,  in dem Sie ihre Existenz leugnete und ihre Kritik am Hass auf RB  Leipzig äußerten. Auch wenn die Gruppe nie wirklich existierte, waren  die Reaktionen im Internet erschreckend. Die heftigen Gewaltandrohungen  gegen eine Gruppe, die noch nie ein Spiel von RB Leipzig besucht hatte,  wurden so immens, dass die Gruppe ihren Fake auflösen musste. Noch immer  sind RB Leipzig-Fans wohl diejenigen, die ganz allgemein den größten  Anfeindungen ausgesetzt sind. Nach der Aufstiegsfeier im Mai wurde der  RB-Trommler Mocke in der Nähe des Stadions zusammengeschlagen. Im  Internet waren danach auf diversen einschlägigen Plattformen höhnische Kommentare zu lesen.

Mittlerweile  hat sich, den Drohungen zum Trotz, auch in Leipzig eine Fanszene  entwickelt. Obwohl es keine Fanszene nach typischem Muster mit  tonangebenden Gruppen und starken Strukturen gibt, sind im Stadion der  roten Bullen Fahnen, Doppelhalter und manchmal sogar Choreographien zu  sehen, Megafone und Trommeln koordinieren und intensivieren den Support.  Mittlerweile haben sich mehrere Gruppen gegründet, deren Fokus auf dem  Support von RB Leipzig liegt. Im letzten Jahr kamen mehrmals über 30.000  Besucher in das ehemalige Zentralstadion, Zahlen von denen andere  Drittligisten nur träumen können. Fehlende Fankultur kann man RB Leipzig  nicht vorwerfen, auch wenn die Fankultur bei RB sich von der üblichen  etablierten unterscheidet.

Das Modell von Unternehmen, die Geld an  Sportvereine überweisen und sich davon mehr als ein nettes Dankeschön  erwarten, ist kein neues. Finanzielle Notlage zwang Eintracht  Braunschweig zu Kreativität, die zu dem Ergebnis führte, dass anstelle  des Vereinswappens das Logo von Jägermeister auf die Trikots der  Eintracht-Spieler gedruckt wurde. 500.000 DM war dem Likörhersteller die  Brust der Eintracht wert. Andere Vereine übernahmen das Modell schnell  für sich, das Trikotsponsoring in der Bundesliga war schnell etabliert.  Finanzielle Unterstützung hatten die Vereine jedoch schon zwanzig Jahre  zuvor erhalten. Der Autokonzern VW hält den VfL Wolfsburg seit den  fünfziger Jahren mit finanziellen Mitteln am Leben – und verspricht sich  dadurch auch eine enge Verknüpfung mit Spieler*innen, den Fans und den  Erfolgen des VfLs. Doch weil es derart gut organisierte Fangruppierungen  wie die Anti-RB-Initiative in den 70er oder gar den 50er Jahren nicht  existent waren, verebbte der anfängliche Aufrur über  Investoren im  Profifußball schnell. Schließlich konnte dadurch irgendwie jede*r den  einen oder anderen Betrag dazuverdienen.

Vielleicht auch deshalb  verdeutlicht die Initiative in ihrem Aufruf schnell, dass sie nicht  zwischen guten und Bösen Investoren unterscheiden wolle – und tut dann  genau das im folgenden Satz, in dem Sie anführen, dass die die beiden  berühmtesten und ältesten ‘Investorenvereine’ Vfl Wolfsburg und Bayer  Leverkusen eine Sonderrolle einnähmen – weil Sie ihren Erfolg hart und  mit wenigen Mitteln erarbeiten hätten müssen. Die Lächerlichkeit dieser  Aussage wird einem allerdings bewusst, wenn man sich die deutlichen  Zahlen ansieht: Seit 1952 wird der Vfl Wolfsburg durch Volkswagen  finanziell unterstützt. Verhältnismäig früh, 2001, erwarb der  Autokonzern 90% der Lizenzspielerabteilung, der Vfl Wolfsburg GmbH, 2007  wurden die restlichen 10% der Anteile erworben. Unter Manager Felix  Magath gab der Verein innerhalb von nur zwei Saisons 63 Millionen Euro  für Spielertransfers aus, dem standen 17,4 Millionen € Ausgaben  entgegen. Insgesamt konnte sich der Verein also mit über 45 Millionen  Euro innerhalb von zwei Jahren an den Meistertitel, der 2009 schließlich  erreicht wurde, herankaufen. Investitionen in Vereinsinfrastruktur wie  der Volkswagen-Arena und in topmoderne Jugendleistungszentren mal außen  vorgelassen. Hart erarbeitet wurde dieser Erfolg wohl eher weniger vom  Vfl Wolfsburg selbst, sondern viel eher von den Mitarbeiter*innen von  Volkswagen, die  VW Investitionen in millionenhöhe erlaubten. Ein  Dutzend Fußballvereine in der ersten und zweiten Liga werden durch  Investoren unterstützt. Dass es dem Rest nicht gelungen ist, sich einen  zahlkräftigen Investor an Land zu ziehen, ist wohl wahrscheinlicher als  die Annahme der Vereinsspitzen, ihr Verein würde an der  Kommerzialisierung zu Grunde gehen.

Kapitalismus und Fußball,  lassen sich, so platt es sich anhört, nicht trennen. Spieler*innen,  Trainer*innen und Funktionär*innen möchten für die Arbeit die sie auf  und rund um den Rasen leisten, bezahlt werden. Die Nachfrage nach  Sportunterhaltung ist groß, Millionen Menschen möchten sich die Spiele  der Profiligen ansehen. Fernsehsender lassen sich die Übertragung von  Fußballspielen Millionen kosten. Und Fans bezahlen entweder mit einem  Pay-TV-Abo oder aufdränglicher Werbung von Wettanbietern und Biermarken.  Doch nicht nur Fernsehgelder und  Eintrittskarte sind Einnahmequellen  der Vereine. Auch an Fanartikeln, die vom Trikot bis zum  Badezimmerstöpsel reichen, verdienen die Vereine. Ein Verein, der  Marketing perfektioniert hat, ist Real Madrid. Die Rekordsummen die bei  den Transfers von Cristiano Ronaldo und Gareth Bale überwiesen wurden,  wurden alleine durch den Verkauf von Trikots mit dem Namen der Spieler  wieder reingeholt. Im Stadion wird Geld durch Catering und  Bandenwerbung, sowie dem Stadionnamen gemacht.  Das ist bei jedem  Profiverein zur Normalität geworden. Initiativen gegen Gazprom,  T-Mobile, Adidas oder Evonik gab es – trotz gigantischer Investitionen  im Fußball – bisher nicht.

Und auch Vereine wie Union Berlin oder der FC St. Pauli, die oft als Beispiele für Nicht-Kommerzialisierte Vereine hergehalten werden, spielen mit im Kapitalismus. 2004 wagte der FC St. Pauli einen Vorstoß im Bereich Marketing und verkaufte einen Großteil seiner Markenrechte an den Vermarkter Upsolut – Der aus dem charakteristischem Totenkopfsymbol und dem St. Pauli-Schriftzug eine Modemarke machte. Mittlerweile spielt der FC St. Pauli was Merchandising angeht längst in der Spitzengruppe der deutschen Vereine mit. Viel Verein bleibt bei der aktuellen Kollektion nicht über. Das Totenkopf-Shirt gibt es in allen möglichen Farben und Variationen, nur die Assosziationen an den Fußballverein FC St. Pauli werden mit jedem neuen Shirt schwächer. 

Bei Union Berlin sind Investor*innen eine lukrative Einnahmequelle. Eine eigene Abteilung “Sponsorenbetreuung” soll ebendiesen eine Loge im Stadion schmackhaft machen. Im Fanshop des Berliner Vereins werden neben sexistischen rosa Shirts für Frauen* auch Toaster, Eieruhren und Bierdeckel angeboten. Kommerz schreit da keine*r. Und auch die Brust vom FC St. Pauli und Union Berlin wurde von Sponsoren gekauft, auch hier wird mit dem Geld von Unternehmen gerechnet. Fußball ohne Kapitalismus – Das ist, zumindest in den Profiligen – einfach undenkbar. 

Es ist zu kritisieren, dass es möglich  ist, den Namen von Fußballvereinen zu verkaufen. Ebenso  ist es zu  kritisieren, dass Entscheidungen im Verein nicht mit den Fans, sondern  vielmehr gemeinsam mit den Investoren getroffen werden. Kritik an der  Kommerzialisierung des Fußballs ist absolut richtig und angebracht – So  lange sie mit dem System in Verbindung gebracht wird. Das System heißt  noch immer Kapitalismus und der Fußball kann sich – und konnte sich  diesem System nie entziehen. Wer also RB Leipzig, 1899 Hoffenheim und  “Investorenvereinen” den garaus machen möchte, sollte nach dem Großen  Ganzen greifen. Kommerzialisiert ist jeder Profi-Fußballverein.

 

Gerade Gesehen: Das aktuelle TRANSPARENT-Magazin beschägtigt  sich intensiv mit RB Leipzig. Zur Sprache kommen unter anderem  Vertreter der Initiative “Nein zu RB” und der RB-Fanclub  “Rasenballisten” zu Wort.

 

Zur Kenntnis: Investoren in der ersten und zweiten Bundesliga:

Hamburger  SV (Klaus-Michael Kühne), TSV 1860 München (Hasan Ismaik), Hannover 96  (Martin Kind), Hertha BSC (KKR), Borussia Dortmund (Evonik, Bernd Geske,  Crispin Odey), Eintracht Frankfurt (Bankhaus Metzler, die DZ Bank, die  Hessische Landesbank und die BHF Bank [“Freunde der Eintracht AG”],  Streubing AG), FC Ingolstadt (quattro/Audi), Carl Zeiss Jena (Roland  Duchatelet, staprix NV), Bayern München (Adidas, Audi, Allianz), Vfl  Wolfsburg (VW), RB Leipzig (Red Bull) und Bayer Leverkusen (Bayer)

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