Antisemitismus im Fußball: Tottenham Hotspur und die Yid-Army

“Spurs are on their way to Auschwitz” und “Adolf Hitler is coming for you”, sowie Zischgeräusche, die Gaskammern imitieren sollen. Alltag im Gästebereich der White Hart Lane, dem Zuhause von Tottenham Hotspur. Zumindest wenn die Londonder Stadtrivalen West Ham United, Arsenal, Chelsea, Fulham oder Queens Park zu Gast sind. Auch das war ein Grund dafür, die europäischen Fußballfans auf Platz vier der Liste der „Top Ten Anti-Semitic / Anti-Israel Slurs“ des Simon-Wiesenthal-Centers (auf der sich unter anderem auch Jakob Augstein auf Platz 9 befindet) zu setzen.

Auch international haben antisemitisch motivierte Übergriffe auf die Fans von Tottenham Hotspurs Aufsehen erregt. Bei einem Angriff vor dem Europa League Spiel Lazio Rom – Tottenham im November 2012 wurde die Kneipe „Drunken Ship“ auf dem Campo di Fiori von 30 Maskierten Personen aus dem Umfeld der römischen Fanszene und anderen rechtsradikalen Gruppen angegriffen. Während des Angriffs sollen sie auf deutsch „Juden Tottenham“ skandiert haben. 10 Anhänger*innen der Tottenham Hotspurs wurden verletzt, einer musste mit einer tiefen Stichwunde über den Schädel ins Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei war nach Aussage des Pub-Besitzers erst nach 20 Minuten erschienen. Einen Tag später, während des Spiels im Stadio Olimpico skandierten Lazio-Fans „Juden Tottenham“, schwenkten Palästina-Fahnen und präsentierten ein Spruchband mit der Aufschrift „Free Palestine“ – In der Schriftart, in der die faschistischen und gewalttätigen Ultras „Irriducibili Lazio“ einst ihre Spruchbänder präsentiert hatten.

Schon zuvor waren Lazio-Fans beim Derby gegen den AS Rom mit dem antisemitischen Spruchband „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen euer Zuhause“ aufgefallen. Und auch im Hinspiel gegen Tottenham waren die schwarzen Spieler Jermain Defoe, Andros Townsend und Aaron Lennon rassistisch beleidigt worden.

Im Februar 2013 kam es in Lyon beim Aufeinandertreffen von Olympique Lyon und den Tottenham Hotspurs ebenfalls zu einem Angriff. Die 50 maskierten Angreifer*innen, aus der Fanszene von Olympique Lyon und der rechtsradikalen Generation Identitaire warfen Scheiben einer Kneipe in der Lyoner Altstadt ein. In die Kneipe selbst kamen sie jedoch nicht, da die Tottenham-Fans Widerstand gegen den antisemitisch motivierten Angriff leisteten. Sieben Tottenham-Anhänger*innen mussten daraufhin ärztlich behandelt werden, drei davon im Krankenhaus. Augenzeug*innen berichten davon, dass die Angreifenden wiederholt den Hitlergruß gezeigt hätten. Als Konsequenz beantragte der Verein für die Achtelfinalspiele gegen Inter Mailand zusätzlichen Polizeischutz für seine Fans.

Der Hintergrund der antisemitischen Äußerungen und Übergriffe liegt in der Geschichte von Verein und Stadtteil. Tottenham, ein Stadtteil im Norden Londons, ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein Paradebeispiel für einen multikulturellen Stadtteil. Menschen aus der gesamten Welt, ungeachtet der Herkunft oder Religion wohnen hier zusammen. In Tottenham werden insgesamt über 190 verschiedene Sprachen gesprochen, das ist selbst für einen Londoner Stadtteil überdurchschnittlich viel. Eine verhältnismäßig große Gruppe in Tottenham sind seit den dreißiger Jahren die Jüdinnen und Juden. Auf der Flucht vor antisemitischen Progromen fanden viele von Ihnen im Londonder Osten und Norden Schutz.

Die jüdische Gemeinschaft spiegelte sich auch auf den Rängen der White Hart Lane, dem Stadion von Tottenham Hotspur, wider. Auch deshalb bekam der Verein schnell den Rufs des „Judenklubs“. Mitte der 1970er Jahre kam es immer wieder zu antisemitischen Parolen gegen die Fans der Tottenham Hotspurs. Daraufhin drehten die Anhänger von Tottenham den Spieß um. Mit der Methode, mit der die schwarze Community das N-Wort* oder die lesbisch-schwule Community den ursprünglich homophob belegten Begriff Queers aneignete, nahmen die Tottenham-Anhängern antisemitischen Gesängen den Wind aus den Segeln. Fortan bezeichneten sie sich selbst als „Yids“. Den Arsenal-Anhängern, die wie Tottenham aus dem Norden der Stadt kam, wurde „Yids took the North Bank“ (Die Yids haben das Nordufer erobert) entgegen gerufen, Israelfahnen wurden ins Stadion mitgenommen und T-Shirts mit der Aufschrift „Yid Army“ oder „Yiddos 4 Life“ wurden gedruckt.

„Yids“ war eine der antisemitschen Bezeichnungen gewesen, die die Fans der Londoner Stadtrivalen den Tottenham-Anhänger*innen entgegen gerufen hatte. Ursprünglich hatte der Begriff „Yids“ gar keine antisemitische Bedeutung, sondern war eine Selbstbezeichnung jüdischer Einwander*innen. Negativ wurde der Begriff erst 1936 vom Faschisten Oswald Mosley und seiner faschistischen Partei verwendet, die das Wort an Häuserwände im jüdischen Viertel im Londoner East End malten.

In den letzten Jahrzehnten standen sowohl gegnerische als auch Tottenham-Fans für die Nutzung des Worts in der Kritik. Ein berühmter Kritiker des Begriffs ist der jüdische Comedian und Chelsea-Fan David Baddiel, der das Thema in dem Artikel „So you think we’ve kicked racism out of English football?“ erstmals ausführlich thematisierte. Dort kritisiert er zum einen die antisemitischen Gesänge der Fans des FC Chelsea. Allerdings verdeutlicht er auch, dass er es anstößig fände, wenn nicht-jüdische Fans sich selbst als „Yids“ bezeichnen würden. Weiterhin stellte er die These auf, dass die Selbstbezeichnung der Tottenham-Fans als „Yids“ überhaupt erst die Ursache für die antisemitischen Gesänge der gegnerischen Klubs sei.

2012 veröffentlichte Baddiel dann gemeinsam mit dem englischen Antidiskriminierungsprojekt „Kick it out“ den Film „the Y-Word“. Dort werden Szenen gezeigt, in denen Englische Fans antisemitische Sprechchöre anstimmen. Daraufhin werben Fußballprofis und Vereinsoffizielle für ein Ende des Begriffs „Yid“. In dem Film wird der Ausdruck unter anderem mit dem N-Wort verglichen. Unterstützung bekam die Kampagne von Peter Herbert von der Society of Black Lawyers, der ankündigte, gegen die Benutzung des Wortes „Yids“ Strafanzeige zu stellen. Im weiteren nahm er auch die Tottenham-Fans in die Pflicht und erklärte, dass das Singen des Wortes Yids den antisemitischen Missbrauch durch andere Fans legitimiere und sah die Verbindung zwischen den Ereignissen in Rom und das Y-Wort-Singen als offensichtlich.

Mit Glaubwürigkeit in puncto Anti-Diskriminierung und Arbeit gegen Antisemitismus können allerdings weder Baddiel, noch Herbert überzeugen. Peter Herbert pflegt enge Kontakte zu den antisemitischen Politikern Al Sharpton und Jesse Jackson und setze sich für die Einreise von Louis Farrakhan, den offen antisemitischen Anführer der Nation of Islam, ein. Baddiel fiel in seiner Sendung Fantasy Football League durch antisemitische Kommentare und eine rassistische Karikierung des Spielers Jason Lee auf.

Auch inhaltlich kamen Video und Statement weniger gut an. Fans beschwerten sich, das Video würde alle Fans über einen Kamm scheren und keinen Unterschied zwischen der Neubesetzung des Ausdrucks durch Tottenham-Fans und den offen antisemitischen Äußerungen der verfeindeten Supporter machen. So erklärte der jüdische Autor Hayden Smith, er fände es ganz und gar nicht beleidigend, wenn sich nicht-jüdische Tottenham-Fans durch das singen von „Yid Army“ gegen Antisemitismus wenden und sich so auch mit den jüdischen Fans des Vereins solidarisieren würden. Tottenham sei nun wirklich der letzte Verein, den man wegen Antisemitismus beschuldigen könne.

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Der Artikel ist eine überarbeite Version des Artikels “Tottenham Hotspur und die Yid-Army” aus dem Jahr 2013.

 

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